Brittas Kunstkritik

 

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Jörg Malsch 

Namen sind wie Schallplattenhüllen und Rauchgasentschwefelungsanlagen (15.02.99)

Willkommen, Freunde der Lyrik. Unter dem Pseudonym "Britta" veröffentlichte kürzlich eine hoffnungsvolle junge Autorin ein Werk, daß sie schlicht

Lieblingsgedicht

betitelt. Vorweg: Ich bin hingerissen. Ergriffen. Verzaubert. 
Und obwohl mich meine langjährige Berufserfahrung als namhafter Literaturkritiker nicht vor kleineren Irrtümern und Fehlinterpretationen schützt, gibt sie mir doch die Sicherheit, mich diesem Meisterwerk nicht nur emotional, sondern auch sachlich-analytisch zu nähern. Liebe Leser, diesen sinnlichen Genuß darf ich Euch nicht vorenthalten.

Ich will Jemanden

Ich kann nicht ausdrücklich genug darauf hinweisen, wie wichtig die Eingangszeile eines Mehr-, aber auch eines Einzeilers für den Spannungsbogen des Gesamtwerkes ist. Entscheidet sie doch einzig und allein darüber, ob der Leser gepackt, gelangweilt oder gar verärgert wird. In dem hier vorliegenden Fall hat sie alles, was eine gute Zeile braucht: Eine auf eine fast spartanisch anmutende komprimierte Aussage, ein Metrum, das an ein Saxophonsolo denken läßt und zudem eine Offenheit, die in unserer Zeit der Masken entwaffnend ehrlich wirkt. Egal, ob hingehaucht oder herausgeschrieen, diese Zeile bleibt haften.

der Tag und Nacht an mich denkt

Hier wird erstmals der Schleier, der den geheimnisvollen "jemand" umgibt, ein wenig gelupft. Ein immerwährendes, Sehnsucht implizierndes Denken seinerseits wirft die Frage auf: Warum tut er das?
Sehr schön auch der leicht spöttische Bezug auf die Kaffeereklame der 80er Jahre. Das macht diesen "jemand" sofort sympathisch, hüllt ihn gewissermaßen in den Duft gemahlener Röstbohnen. Die jambische Struktur tut ihr übriges, um die zart skizzierte Szene zu illuminieren.

der mich nicht

Handelt es sich hier nicht um einen Seitenhieb auf die nihilsitischen Tendezen der frühen Dadaisten wie Schwitters oder Haussmann? Die minimalistische Selbstverleugnung scheint dafür zu sprechen. Doch wir wollen nicht voreilig Schlüsse ziehen.
Die Darstellung ist hier über die elliptische Struktur hinaus keinesfalls geschlossen, sondern fordert eine Fortführung des Gedankenstrangs. Auch läßt die Wiederholung des "der" auf eine übergeordnete Konstruktion vermuten. Also nichts weiter als ein geschickter Trick, den Leser bei der Stange zu halten, ohne Inhalt vorwegzunehmen. An dieser kurzen Passage offenbahrt sich exemplarisch das handwerkliche Können der Autorin.

auf mein Super-Aussehen beschränkt

Die kritische Selbstreflexion wirkt hier leider etwas aufgedrängt. Es ist einfach zu naheliegend, dem Leser das literarische Ich anhand deskriptiver Elemente zu vergegenwärtigen. Andererseits natürlich höchst verführerisch, da sich durch die Vergewaltigung der Leserfantasie die Beziehung der Protagonisten differenzierter darstellen läßt. Andererseits wird natürlich auf der inhaltlichen Ebene der Wunsch geweckt, das literarische Ich mal auf einen Kaffee einzuladen. Schade, daß ich Brittas Telefonnummer nicht habe.

Der mir Alles glaubt was ich sag

An dieser Stelle wird das Fehlen jeglicher Interpunktation besonders auffällig. Wie viel schwerer ist es doch, sich ohne klammernde Form auszudrücken! Und das gelingt der Autorin immer wieder durch bewußte Abgrenzung zur Konvention.
Bemerkenswert auch "Alles". Oft habe ich beobachten müssen, daß junge Poeten den molochartigen Charakter dieser unterschätzten Vokabel durch unabsichtliche Kleinschreibung verharmlosen. Alles! Das ist doch mehr, als in eine Aldi-Tüte passt!

Der mich kutschiert nach London oder Prag

Beiläufige Reimpaare zu finden ist eine Kunst, die mittlerweile in Vergessenheit geraten zu sein scheint. "sag" und "Prag" entfaltet gepaart einen vorsichtigen Charme, der mich unvermittelt an die blühenden Kirschbäume im Garten des Klosters Strahov denken läßt. Wäre es zu weit gedacht, wenn man bei "kutschiert" eine Hochzeitskutsche assoziiert? Vermutlich. Ganz ambivalent könnte auch eine legere Form von "begleitet" oder "fährt" gemeint sein. Es ist schön, wenn Poesie elitäre Kreise verläßt und auf der Straße ihre betörende Kraft entfaltet.

Huuuuuuuuuuu

Hier gefriert das Blut des ergriffenen Lesers. Wo die Autorin zuvor romantische Töne anschlug, heult hier die Wölfin in der sibirischen Tundra mit animalischer Lust. Vergessen sind die Stunden auf der Parkbank, nun geht es zur Sache, Schätzchen.
Sinnliche Schauder jagen Gänsehaut auf Rücken, ohne daß der Zauber durch explizite Wortwahl zerstört wird.
Tanderadei!

Huuuuuuuuuuu

Mehr als eine bloße Wiederholung, handelt es sich bei dem zweiten "Huuuuuuuuuuu" vielmehr um einen Antwortruf, die Weiterführung des Themas, ja, fast schon um eine Bachschen Kontrapunkt. Beeindruckend die Akribie, mit der exakt dieselbe Anzahl "u"s reproduziert wurde. Was für ein Liebesbeweis!

Der nachts den Arm um mich legt

Ein Flüchtigkeitsfehler. Haben Sie ihn entdeckt, lieber Leser? Hihi? Mir ist er erst aufgefallen, als ich die Rezitation dieses Werkes - souverän: Bernd Rauschenbach - rückwärts abgespielt habe. Versuchen Sie es einmal selbst... hier hat die Autorin nicht ganz sauber recherchiert. Aber es sei ihr verziehen, es wäre unmenschlich, einer Lyrikerin unter das Joch des dokumentarischen Journalismus zwängen zu wollen.

und nicht einen Wald absägt

Hinter der vordergründigen Metapher gelingt es der Autorin, leise mahnend das Thema des Umweltschutzes anzubringen. Während die Säge als Symbol der Industrialisierung und des Machester-Kapitalismus zu werten ist, steht der Wald für Gäa, die Urmutter. Und nahtlos fügt sich auch der Gedanke an ein latentes, kollektives Bewußtsein ein, wie ihn die Konstruktivisten formulierten.
Sprachlich richtet sich das Augenmerk auf den erstmaligen Gebrauch des Bindegewebswortes "und", zudem noch in vorderster Position. Positiv fällt auf, daß es hier nicht als Universalkleber verwendet wird, um stupide Belanglosigkeiten aneinanderzukitten, sondern als filigranes Beibackwerk eines delikaten Hors d'oeuvre.

Und wenn er sich nur um mich dreht

Ein Bild, klassisch und von astronomischer Schönheit. Der "jemand" als Trabant, beständig in seiner Bahn, kreist um das Zentrum seiner Gefühle, den Fixstern am Firmament der Erfüllung, seine innere Mitte. Und dort ruht das literarische Ich in der Hoffnung, ja, in Erwartung der Keplerschen Gesetze. Würde es sich dafür nicht lohnen, exkommuniziert zu werden?
Betrachten wir doch einmal ein dieser Zeile die Wortlängen: 3-4-2-4-3-2-4-5. Oder anders notiert: 3-4-2, 4-3-2, 4-5. Jede dieser drei Gruppen besitzt die Quersumme von neun. Das ist nicht nur das Quadrat der Anzahl dieser Gruppen, sondern auch die Anzahl der Planeten unseres Sonnensystems. Die Autorin gelingt es hier, fundierte Fachkenntnisse interdisziplinär zu verschmelzen und in literarischer Form zu gießen. "Von der Stirne heiß"... aber diese begeisternde Genauigkeit im Detail ist den Schweiß wert.

ist es für nichts zu spät

Die finale Aussage widerlegt nicht nur einige Aspekte der Speziellen Relativitätstheorie, sondern ist auch ein Ausdruck für den unbändigen Willen, eine individuelle Ewigkeit zu schaffen.
Bestechend die ergonomische Schlichtheit: Pro Silbe gerade mal ein Wort. Und das genügt so voll und ganz, daß die Frage offen bleibt, ob es nicht auch anderen Werken guttäte - ich denke da beispielsweise an den langatmigen, widerwärtigen Fontane, der sich mittlerweile ganz von der Dichtkunst abgewendet und irgendwo einen Ministerposten ergattert hat - , dieses offenkundig taoistisch geprägte Prinzip der Simplizität anzuwenden.

Huuuuuuuuuuu

So schließt das Werk mit dem Refrain, einem Tenor, dem sich der Leser unmöglich entziehen kann.

Huuuuuuuuuuu

Die gesamte barocke Dissonanz, atemlos heraufbeschworen und verdichtet in einer Arie der Begierde und des sehnsüchtigen Drängens.
Wo ist das Damasttaschentuch, das fein genug wäre, diesen flehenden Tränen gerecht zu werden?
Verzweifelt nach Worten ringend, finde ich nur diese:
Hinreißend. Ergreifend. Bezaubernd.

 

 

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